April 18, 2021

Wortwolke, in der die Worte Bereich und Marotte des Monats hervorgehoben sind

Wenn Sie sich viel mit Texten beschäftigen, stoßen Sie auf immer die gleichen sprachlichen Macken. Manchmal ist es schwer, damit klarzukommen. 

Mein Beruf als Journalist und Schreibcoach gewährt mir Einblicke in alle möglichen Arbeits-, Lebens- und manchmal sogar Intimbereiche.

Das macht ihn abwechslungsreich und aufregend.

Doch ich zahle einen hohen Preis für die Zerstreuung, die ich bei der Arbeit im schreiberischen Bereich finde.

Der Job hat mir Schäden im psychischen Bereich beigebracht, von denen Beschäftigte in anderen Bereichen nichts ahnen.

Mein Beruf zwingt mich ständig, Wörter zu streichen – vor allem Wörter ohne Sinn

Das Wort "Bereich" ist nur scheinbar ein harmloses Wort.

Solange ich arbeite, ist das kein Problem.

Doch wenn ich meine Freizeit genießen will, ist es mir unmöglich, meine im jahrzehntelangen Redigier-Prozess geschärften Instinkte zu unterdrücken.

Ich redigiere einfach weiter, immer und überall.

Vor ein paar Jahren dann, im Wellnessbereich eines Südtiroler Hotels, ist es gekommen, wie es kommen musste.

Ich bin unter der Last meiner beruflichen Deformation zusammengebrochen.

Marotten sind wie Haare an der absolut falschen Stelle des Körpers. Verzichtbar, lästig aber ganz zuverlässig vorhanden.

Christa Schyball

Autorin

Arglos hatte ich zwischen zwei Saunagängen zu einem Informationsblättchen gegriffen, das mich auf die Vorzüge meiner Unterkunft aufmerksam machen wollte.

"In unserem Foyerbereich steht Ihnen ein kostenloser Internetzugang zur Verfügung", stand da.

Sofort trieb mir der Satz kalten Schweiß auf die Stirn.

Instinktiv tastete ich an meiner nackten Brust nach dem Rotstift, um dem Bereich, jener Mutter aller Worthülsen, den Garaus zu machen.

Vergeblich, keine Brusttasche und also auch kein Stift weit und breit.

Ich unterdrückte den Würgreflex. Um mich abzulenken, las ich weiter:

"... oder entspannen Sie bei einem Drink in unserem exquisiten Lounge- und Barbereich", empfahl das Blättchen.

Mir wurde schwarz vor Augen.

Als ich erwachte, fand ich mich in den Armen des Poolboys wieder.

Der Hotelmanager fühlte meinen Puls und versicherte, ich müsse mir keine Sorgen machen.

Als Student habe er mehrere Praktika im sozialen und im Gesundheitsbereich absolviert. Er kenne sich bestens aus im Bereich der Ersten Hilfe.

Ich erbrach mich auf seinen Zweireiher und verlor erneut das Bewusstsein.

Diesen Text schreibe ich auf Anraten meines Arztes.

Im Bereich der Konfrontationstherapie gilt der Mann als Koryphäe...

Im Ernst jetzt: Tun Sie mir und der Welt einen Gefallen?

Streichen Sie das Wort "Bereich" aus Ihrem Wortschatz!

Niemand wird es vermissen.

Von ganzem Herzen: DANKE!

P.S.: Lesen Sie eine weitere Marotte des Monats über Wörter (fast) ohne jeden Sinn.



Stoßen auch Sie bei Ihrer Arbeit an und mit Texten auf immer die gleichen Sprachmarotten? Welche nervt oder amüsiert Sie am meisten? Ich freue mich auf Ihren Kommentar gleich hier unter dem Text!

    • Danke, Veronika! Freut mich, dass wir uns einig sind.
      Manche halten solche Fragen für Haarspalterei.
      Ich finde, wer beruflich schreibt, muss diese Haare spalten. 😇

      • Natürlich müssen wir in unserem Bereich Haare spalten. Weil es eben
        noch lange nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun. Wenn jemand etwas schaffte, bedeutet es längst nicht, dass er dabei auch etwas schuf. Herzliche Grüße von Regina Theunissen

        • Danke, Regina!

          Die Sprache ernst zu nehmen, ist niemals Haarspalterei. Wenn wir es nicht tun, denken wir unpräzise. Und dann bleibt uns nichts übrig, als unpräzise zu kommunizieren. Wenn das alle machen, kommt „Stille Post“ dabei heraus, und wir reden und schreiben grandios aneinander vorbei. Passiert tausendfach. Jeden Tag.

          Liebe Grüße!

  • Was wäre dann eine gute Alternative zu Wellnessbereich? Das Einzige, was mir dazu einfällt wäre Oase, aber das war’s auch schon.

    Liebe Grüße
    Lisa

    • Liebe Lisa, danke für Ihren Kommentar – und für Ihre Geduld!

      Die Welt geht nicht unter, wenn Sie Wellnessbereich schreiben. 😉

      Aber was spricht dagegen, einfach Sauna zu schreiben?

      Mehr steckt in ganz vielen Hotels nicht hinter dem Wellnessbereich. Manchmal ist noch ein Pool dabei. Dann schreiben wir halt Sauna und Pool.

      Wenn Sie Sauna und Pool lesen, sehen Sie eine Sauna und einen Pool. Und Sie riechen Holz, Aufguss und Chlor. Wenn Sie Wellnessbereich lesen, sind ihre Assoziationen viel diffuser. Und wenn Sie Bereich lesen, assoziieren Sie gar nichts mehr.

      Konkrete Wörter sind den abstrakten in den meisten Fällen weit überlegen.

      Das Wort Bereich ist für mich deshalb die Mutter aller Worthülsen, weil es in extrem vielen Texten steht. Und weil wir dem Inhalt in der Regel kein Haar krümmen, wenn wir es einfach streichen.

      „Die Bereiche Marketing und Vertrieb arbeiten bei uns Hand in Hand.“ Streichen Sie die Bereiche! Sie werden niemandem fehlen.

      Liebe Grüße aus Karlsruhe

      Steffen Sommer

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